WAZ - Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Oberhausen, Dienstag, 20. Juni 2006
Wenn des Fußballs starker Arm es will, stehen längst nicht alle Räder still. Doch es gibt auch Chefs, die ihre Mitarbeiter zum gemeinsamen WM-Gucken einladen.
Von Daniel Frost
Den einen oder anderen wird es überraschen, aber: Die Welt dreht sich trotz Fußball-WM weiter. Was heute zum Problem wird. Anstoß gegen Ecuador ist bereits um 16 Uhr. Gelobt sei die Gleitzeit, glücklich, wer früh Feierabend hat. Oder einen kulanten Chef.
Dafür gibt es Beispiele wie das des Unternehmers Evers. Um kurz vor 16 Uhr legen die rund 70 Mitarbeiter von Johannes Trum den Griffel beiseite. Dann wird im Konferenzraum gemeinsam das Spiel der deutschen Elf angeschaut. Wer nicht möchte, kann eher nach Hause. Und in der Halbzeit lässt der Chef Essen kommen.
"Wir drücken beide Augen zu, wenn jemand nachschaut"
Johannes Trum hält es für eine "Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter dieses Weltereignis verfolgen können". Sinkende Produktivität? Nicht die Bohne, obwohl die WM durchgehend über die Leinwand flimmert. "Ich würde eher vom Gegenteil sprechen", so Trum.
So viel Entgegenkommen geht woanders nicht. In Taxen, Bussen, Krankenhäusern, bei Polizei und Feuerwehr oder da, wo produziert wird. Bei MAN Turbo etwa, dem größten Arbeitgeber der Stadt. Dort schauen die 1300 Angestellten in die Röhre. Es sei denn, sie haben sich rechtzeitig die Frühschicht gesichert. Ein WM-bedingter Produktionsstopp? Keine Chance. "Weitgehend business as usual", werde es geben, erklärt Sprecher Christoph Speckamp. Radio hören ist drin, mehr zumindest in der Fertigung nicht. "Wir sind voll ausgelastet zurzeit."
Auf der Gewinnerseite ist dagegen, wer in Gleitzeit arbeitet. Auf den Rathausfluren dürfte es so etwa ab 15.30 Uhr einsam werden. "Offiziell kann jeder im Rahmen der Gleitzeit ab 15 Uhr Feierabend machen", sagt Stadtsprecher Martin Berger. Ähnlich läuft das bei der hiesigen AOK. Regionaldirektor Hans-Werner Stratmann: "Wir haben untereinander gesprochen. Wer fußballfanatisch ist, kann um 15 Uhr gehen." Der muss dann aber auch um 6.30 Uhr kommen - was den echten Fan nicht schreckt, wie der Regionaldirektor versichert. "Das wird genutzt." In beiden Fällen müssen natürlich Mitarbeiter bleiben, für Bürger und Versicherte da sein.
Manche Menschen haben dieser Tage richtig angenehme Arbeitsplätze. In der Technik-Abteilung des Kaufhof etwa. Dort laufen auf einem Dutzend Geräten alle Begegnungen. Geschäftsführer Michael Stauber: "Wir drücken beide Augen zu, wenn jemand dort schaut, was sich bei dem Spiel so tut." Für den Blick aufs Grün gibt es zig Gelegenheiten. Selbst im Supermarkt flimmert die Glotze, in der Eisdiele und dem Bistro. Nicht im Damenmoden-Geschäft. "Wir haben in der Kinderecke einen Fernseher, aber der ist nicht an", sagt die Geschäftsführerin. Gleichwohl merken die Angestellten, wenn (fast) ganz Deutschland mitfiebert: "An der Kundenfrequenz."
Sie dreht sich langsamer, immerhin.